FOCUS Mueller CROLAR 5.1 STS


Eden Medina, Ivan da Costa Marques and Chrstina Holmes (Eds.) (2014)

Beyond Imported Magic. Essays on Science, Technology, and Society in Latin America

Cambridge MA und London: MIT Press, 411 pp.


Rezensiert von Frank Müller

Universidade Federal do Rio de Janeiro



Dieser Sammelband präsentiert eine Auswahl von aktuellen Arbeiten auf dem Feld der Science and Technology Studies (STS) in Lateinamerika. Die Herausgeber_innen verbinden in Lehre und Forschung Human- mit Naturwissenschaften und arbeiten in den Disziplinen Geschichte und Informatik (Eden Medina, Ivan da Costa Marques) bzw. Medizinanthropologie (Christina Holmes). Ebenso sind die Autor_innen in den verschiedensten Disziplinen beheimatet, von der Anthropologie, über Sozialwissenschaften bis zu Ingenieurs- und Computerwissenschaften. Das zentrale Anliegen des Bandes ist es zu zeigen, dass wissenschaftliche Ideen, Technologien und Theorien nicht nur aus dem Globalen Norden in den Süden wandern.
Imported Magic steht sinnbildlich für eine koloniale Situation, in der die vom technologischen Fortschritt unberührten Gesellschaften diesen als unerklärbare, von außen kommende Neuerung bestaunen. Um den dieser Annahme zugrundeliegenden Ethnozentrismus zu problematisieren arbeiten die Artikel empirisch auf, mittels welcher transregionalen und -nationalen Austauchbeziehungen technologische Ideen, Innovationen und Entdeckungen seit der Kolonialisierung entwickelt wurden.


Damit leistet der Band einen Beitrag zu einem historisch differenzierten Verständnis davon, wie Wissens-produktion, Politik und Macht in Lateinamerika interagieren und die Region, welche die Herausgeber geographisch definieren (8), historisch und geopolitisch einbinden. Insofern Technologie- und Wissensproduktion in Lateinamerika als Teil des „modernen Weltsystems kolonialer Dominanz“ zu verstehen sind (5), sind sie auch heute noch durch Machtasymmetrien geprägt. Der Anspruch ist zugleich, die „lateinamerikanische“ Erfahrung in ein kritisches Verhältnis zu postkolonialen Ansätzen der STS (Harding 2011), zu setzen. Denn, so die Herausgeber_innen in der Einleitung, Lateinamerika hat eine ganz andere, aber zugleich auch in sich heterogene Kolonialgeschichte, als beispielsweise die Ex-Kolonien des britischen Imperiums. Der Band mit seinen 16 Beiträgen beabsichtigt, einen bis dato fehlenden Dialog zwischen Lateinamerikastudien und STS zu eröffnen und damit jenseits einer Homogenisierung der kolonialen Erfahrung durch postkoloniale Studien zu gelangen.


Auf Vorwort und Einleitung folgen in drei Teilen die Aufsätze. Im ersten Teil „Latin American Perspectives on Science, Technology, and Society“ sind fünf Aufsätze versammelt, die sich mit der Entwicklung der STS in Lateinamerika beschäftigen. Henrique Cukiermans Kapitel erzählt davon, wie europäische medizinische Praktiken während der Kolonialisierung Brasiliens lokal weiterentwickelt wurden. In ähnlicher Weise einem linearen Exportmodell des Wissens vom Norden in den Süden kritisch gegenüber stehen die anderen Artikel. Anhand von Beispielen zu sozialer Inklusion in Südamerika und Indien oder der forensischen Genetik zur Identifizierung von Gewaltopfern in Kolumbien zeigen die Beiträge Wissensasymmetrien auf. Im letzteren Fall ist dies der in Lateinamerika weitgehend fehlenden Dialog zwischen Gender Studies und STS und daraus resultierender Annahme einer vermeintlich nicht-geschlechtlichen Kriegs- bzw. Technikforschung. Die weiteren Aufs
ätze in diesem Teil behandeln politische Narrative der Nahrungsmittelindustrie in Brasilien sowie das wechselseitig produktive Verhältnis von Technikgeschichte zum kritischen Verständnis der Geschichte Lateinamerikas.


Der zweite Teil wendet sich Netzwerken des Austauschs von Ideen und Technologien zu. Mit dieser Betonung auf die Art der Zirkulation von Praktiken, Ideen und Artefakten wird zugleich auch die Hauptthese des Buches, jene als verflochten und dynamisch und nicht unidirektional zu verstehen, untermauert. Die sechs Aufsätze untersuchen politische Dynamiken dieser Zirkulation. Sie behandeln den Fall der Nutzung von Fingerabdrücken zur Kontrolle von Massenimmigration nach Argentinien die Wanderung
nach und Weiterentwicklung von sowjetischer Sozialbauarchitektur in Kuba und die sozialen Effekte der Implementierung des One Laptop per Child (OLPC) in Peru und Paraguay. Technik wird hier zum Aktant, wie die ethnographische Forschung in Schulen Paraguays, zeigt. Der Laptop entfaltet – über den faktisch-materiellen Nutzen hinaus – auch Macht in den symbolischen und affektiven Bereichen individueller Zukunftsvorstellungen. Am Beispiel der Implementierung von Politiken zur Förderung von Forschung im Bereich der Nanotechnologie in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern zeigen die Autor_innen des nächsten Beitrags den Einfluss lokaler sozialer Dynamiken auf die Umsetzung von Wissenschaftspolitiken. Die Arbeiten dieses Teils bestätigen die globale Dependenz, in der die Region im Verhältnis zu Ländern des Nordens steht. Während die ersten fünf Kapitel aber die lokale technologische Weiterentwicklung hervorheben, bestätigt das letzte die These vom einseitigen Technologieimport anhand der Yale-Expedition zur Inkastadt Machu Picchu zu Anfang des 20. Jahrhunderts.


Im dritten Teil, „Science, Technology, and Latin American Politics“, wird technologischer Fortschritt als intrinsisches Vehikel nationaler Machtpolitik diskutiert. In seiner überzeugenden, detaillierten und stringenten Aufarbeitung des technisch und politisch gescheiterten Atomprogramms Argentiniens Ende der 1940er Jahre zeigt der erste Aufsatz den Nutzen technologischer Innovation für den
Peronismo. Auch im folgenden Beitrag ist Forschung im Bereich der Atomenergie in Mexiko als Medium zu interpretieren, um zur Modernisierung des postrevolutionären Nationalstaates beizutragen. Die folgenden Artikel zu Energiepolitik in Chile, zur Aushandlung von Standards zur Normierung von Samen zwischen staatlichen Institutionen und Bürger_innen in Brasilien ist die lokale Adaption importierter Technologien das Hauptanliegen. Die Artikel arbeiten sehr detailliert und nachvollziehbar die Komplexität und Konflikthaftigkeit koexistierender Eigentums- und Gesetzgebungslogiken auf, die der Import externer Technologie für die Nationalstaatsbildung historisch wie aktuell (gehabt) hat.


Größtenteils gut lesbar geschrieben untermauern fast alle Beiträge die These von der multi-lokalen Zirkulation von Wissen und Technologie, in der die Region Lateinamerika keineswegs als peripher zu verstehen ist, jedoch als Region, in der Technologie und Wissenschaft vielfach zu sich fortsetzenden Ungleichheits- und Machtverhältnissen beitragen. Indem das Buch Beiträge zu Lateinamerikastudien durch die Linse der historischen Etablierung einer spezifisch lateinamerikanischen STS versammelt, ist
Beyond Imported Magic aufgrund der detaillierten Fallanalysen einerseits für Expert_innen auf spezifischen Wissensgebieten interessant; andererseits bietet der Band Leser_innen, die sich mit Geschichte, Ökonomie und Politik aus de- oder postkolonialer Perspektive beschäftigen starke Beispiele lokaler Wissensproduktion. Ich halte den vorliegenden Sammelband darum für sehr gelungen, um Debatten über allgemeinere Fragen über das Verhältnis von Wissensproduktion, Geopolitik und Macht anzuregen. Allerdings bleibt das Buch im Erfüllen seines Anspruchs, das Verhältnis der Postkolonialen Studien zu der STS zu bereichern (6), auf der Zielgerade stehen: Die Herausgeber_innen machen sich nicht die Mühe zu zeigen welche Effekte ihr, die Nord-Süd Perspektive umkehrender Blick, für Wissensasymmetrien hat – weder im Bereich der Technikforschung, noch für weitere Fragen in- oder exkludierender Wissensproduktion. Die Beiträge formulieren leider keine expliziten Anschlussstellen wie auf der Basis dieser regionalen Fokuswahl auf Lateinamerika globale Wissens- und im weiteren Sinne Machtasymmetrien bearbeitet und überkommen werden könnten. Folglich bietet der Band zwar einen „Schnappschuss“ (16) auf die Breite aktueller Forschungen der STS in Lateinamerika aber keine systematische Aufarbeitung der historischen Bedingungen jener Asymmetrien jenseits/beyond Lateinamerikas.


Bibliografie


Harding, Sandra (2011):
The Postcolonial Science and Technology Studies Reader, Durham, NC: Duke University Press.

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                                                       CROLAR ISSN 2195-3481. We log anonymous usage statistics. Please read the privacy information for details